Loslassen vs. Zulassen

Als sich für eine alte Dame das Ende des Lebens näherte, bat sie
ihren Pfarrer: „Bitte, wenn ich sterbe und die Menschen zu
meinem Sarg kommen, möchte ich eine Gabel in der Hand
halten.“ Der Pfarrer war erstaunt: „Eine Gabel, wieso eine Gabel?
Wieso kein Kreuz, Sie sind doch so gläubig?“„Wissen Sie“,
antwortete die Frau, „wenn ich irgendwo zum Essen eingeladen
bin, und nach einem Gang heißt es: Die Gabel können Sie
behalten, dann weiß ich: Das Beste kommt noch!“

Viele von euch kennen bestimmt diese Anekdote. Eine schöne
Erzählung, die uns verdeutlicht, wie sehr wir uns auf das freuen
können, was da noch kommt. Andererseits zeigt uns die
Geschichte auch, wie schwer es doch ist loszulassen. Das
Loslassen der Gegenwart und sich vollkommen einlassen auf das,
was uns Gott versprochen hat. Heutzutage ist loslassen zum
Trend geworden. Im Buddhismus lässt du alles hinter dir, um das
Nirvana zu erreichen.

Der Minimalismus verlangt die Reduzierung auf das Wesentliche
und einen geringen Konsum. Veganer verzichten auf tierische
Produkte, für eine gesündere Ernährung und das Tierwohl. Die
Kinder soll man ziehen lassen. Genauso auch den geliebten
Menschen auf dem Sterbebett. Doch auch wenn es zum Trend
geworden ist, das Loslassen, es erscheint mir nicht als leicht. Alles
hinter sich zu lassen und Abstand zu dem zu gewinnen, was
einem wichtig und wertvoll geworden ist, irgendwie
herzzerreißend.

Hiob ist uns an dieser Stelle ein Vorbild. Jemand, der das
Loslassen gelernt und angenommen hat. In Hiob 1,21 stehen die
weltbekannten Worte: „Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s
genommen. Der Name des HERRN sei gelobt!“ (BB) Das Wort
loslassen, kommt im deutschen Sprachgebrauch eigentlich von
dem Wort Gelassenheit und meint etwas auf sich zukommen zu
lassen. Also eine passivere Haltung.

Vielleicht müsste man Hiobs Annahme der Ereignisse hier eher
mit dem Wort zulassen beschreiben. Wenn wir heute vom
Loslassen sprechen, denken wir an eine aktive Tätigkeit. Aber so,
wie Hiob es hier beschreibt, dürfen wir Gott walten lassen und
das Leben zulassen. Wir können wie die Dame in der Geschichte,
die Gabel in der Hand halten, weil das Beste ja noch kommt. Ich
wünsche uns allen die Gelassenheit, das Leben auf uns
zukommen zu lassen.

Torsten Schramm