WestPost – JANUAR 26

Wer weiß, wozu es gut ist? – Ein Satz den ich immer wieder gehört habe. Das Fahrrad wurde geklaut. – Wer weiß, wozu es gut ist? Du hast das Portemonnaie mit dem gesamten Taschengeld verloren? – Wer weiß, wozu es gut ist? Eine Floskel, die unsensibel und überhaupt nicht hilfreich für den Betroffenen ist. Zumindest, wenn man sie zugesprochen bekommt.

Ein alter Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn auf
einer kleinen Farm. Sie besaßen nur ein Pferd, mit dem sie die
Felder bestellen konnten und kamen gerade so über die Runden.
Eines Tages lief das Pferd davon. Die Leute im Dorf kamen zu dem
alten Mann und riefen „Oh, was für ein schreckliches Unglück!”
Der alte Mann erwiderte aber mit ruhiger Stimme: „Wer weiß…,
wer weiß schon, wozu es gut ist?”

Eine Woche später kam das Pferd zurück und führte eine ganze
Herde wunderschöner Wildpferde mit auf die Koppel. Wieder
kamen die Leute aus dem Dorf: „Was für ein unglaubliches Glück!”
Doch der alte Mann sagte wieder: „Wer weiß…, wer weiß schon,
wozu es gut ist?”

In der nächsten Woche machte sich der Sohn daran, eines der
wilden Pferde einzureiten. Er wurde aber abgeworfen und brach
sich ein Bein. Nun musste der alte Mann die Feldarbeit allein
bewältigen. Und die Leute aus dem Dorf sagten zu ihm: „Was für
ein schlimmes Unglück!” Die Antwort des alten Mannes war
wieder: „Wer weiß…, wer weiß schon, wozu es gut ist?”

In den nächsten Tagen brach ein Krieg mit dem Nachbarland aus. Die Soldaten der Armee kamen in das Dorf, um alle kriegsfähigen Männer einzuziehen. Alle jungen Männer des Dorfes mussten an die Front und viele von ihnen starben.

Der Sohn des alten Mannes aber konnte mit seinem gebrochenen
Bein zu Hause bleiben. „Wer weiß…, wer weiß, wozu es gut ist?”

Für den alten Mann war dieser Satz nicht einfach eine Floskel,
sondern eine Lebenseinstellung. Auch an wichtigen Stellen des
Alten Testaments taucht diese Frage auf und macht auf eine tiefe
geistliche Bedeutung aufmerksam. Mordechai sagt zu Ester, als
sie zu ihrem Ehemann König Xerxes gehen soll, um ihr Volk vor
der Auslöschung zu bewahren. „Wer weiß, ob du nicht genau um
dieser Gelegenheit willen zur Königin erhoben worden bist?“
(Ester 4,14) David wendet sie an, als er darum betet, dass Gott
sein krankes Kind am Leben erhält. „Da sagte er: „Als das Kind
noch lebte, habe ich gefastet und geweint, weil ich dachte: ‚Wer
weiß, vielleicht wird Jahwe mir gnädig sein und lässt es am
Leben.’“ (2. Samuel 12, 22)

In dieser kleinen Frage: „Wer weiß?“, schwingt die Hoffnung mit,
dass Gott eine unerwartet große Gnade schenken könnte. „Wer
weiß?“ deutet also auf ein mögliches Plus an Erbarmen hin, auf
das man kein Anrecht hat, das man aber in Betracht ziehen sollte.
Sprechen wir uns diese Frage zu, wie der alte Mann in der
Geschichte, drücken wir unsere Hoffnung aus, dass Gott die Fäden
in der Hand hält. Wir wissen nicht immer wieso etwas passiert.
Aber vielleicht müssen wir die Frage auch nicht beantworten.
Glauben bedeutet loszulassen; zu vertrauen.

Eins ist sicher. Wir sind Gott nicht egal. Das zeigen uns die Geschichten von Ester und David. Gott hat sie niemals fallen gelassen! Auch wenn er nicht immer sofort gesprochen hat, war er trotzdem da. Ich wünsche uns für das neue Jahr die Lockerheit des alten Mannes und die Hoffnung, wie sie im Alten Testament zum Ausdruck gebracht wird, dass Gott eingreift.

Torsten Schramm